Polarstern -12. Juli - 14. Juli 2007
Donnerstag, 12. Juli
Auf der Polarstern arbeiten derzeit ca. 100 Menschen. Die Hälfte davon verbringt nur eine kurze Zeit an Bord: Die Wissenschaftler. Für die Mannschaft ist das Schiff jedoch der alltägliche Arbeitsplatz.
Außer den Berufen, die man ohnehin an Bord vermuten würde (wie z. B. Seeleuten, Tecnikern, Küchenpersonal, etc.), hat die Polarstern auch ihren eigenen Meteorologen und Arzt. Wir statteten ihnen einen Besuch ab.
Eugen Müller und Klaus Buldt betreiben die Wetterstation des Schiffes. Jeden Tag starten sie einen Wetterballon. Während er steigt, misst er in der Atmosphäre die Temperatur, die Luftfeuchtigkeit und den Luftdruck bis zu einer Höhe von 35 km und überträgt diese Daten zurück zum Schiff. Wegen unserer entlegenen Position brauchen sie diese zusätzliche Information, um einen verlässlichen Wetterbericht zu erstellen. Sie tauschen ihre Daten mit Wetterdiensten auf der ganzen Welt aus.
Marcel Schneider ist Chirurg. Diese Reise ist seine erste Anstellung als Schiffsarzt. Zusammen mit der hochqualifizierten Schwester ist er in der Lage, jeden medizinischen Notfall zu bewältigen, von der Behandlung der Seekrankheit, bis hin zu komplizierten Operationen.
Neben der Arbeit gibt es auch Möglichkeiten der Erholung an Bord. Die Polarstern ist mit einem Fitness-Raum, einer Sauna, einem Solarium und einem Swimming-Poolausgestattet, den wir natürlich schon ausprobiert haben.
Freitag der 13. Juli
Scheinbar bringt Freitag der Dreizehnte das Pech sogar bis in den Arktischen Ozean.
Am frühen Morgen sollte ein "Lander" geborgen werden. Allerdings waren während der Nacht jede Menge Eisschollen um die Polarstern aufgetaucht. Die Wissenschaftler beschlossen, dass es zu gefährlich war, den Lander nach oben zu bringen, denn die Wahrscheinlichkeit, dass er beim Auftauchen unter einer Scholle stecken blieb, betrug ca. 50%, und es hätte einfach zu viel kostbare Zeit gekostet, herauszufinden, unter welcher.
Ironischerweise konnte man auf einem Satellitenfoto erkenenn, dass das Eisfeld über dem Lander sehr klein war und außerdem das einzige in der gesamten Region.
Nach dem Frühstück verfolgten wir, wie das ROV "Quest" zu Wasser gelassen wurde. Offensichtlich litt es ebenfalls an der "Freitag der Dreizehnte"-Krankheit. Kurz nach dem Abtauchen mussten sie es wegen technischer Probleme schon wieder an Bord bringen. Beim zweiten Versuch sank es dann erfolgreich zum Meeresgrund, wo es "Flume" aufsuchen sollte, ein Experiment, das vor vier Jahren dort installiert worden war. Aber nach der Ankunft sah das ROV nur Meeresboden. War Flume von Aliens entführt worden? Nach einer Stunde großer Anspannung, fand jemand den Fehler in den einprogrammierten Koordinaten und die Erleichterung war groß, als Flume endlich auf dem Bildschirm erschien.
An solch einem Tag beschlossen wir, dass es im Inneren des Schiffes sicherer war. Einer der Wissenschaftler gab uns eine Führung durchs Schiff. Seither sind wir sogar noch mehr begeistert von der Größe und Leistungsfähigkeit der Polarstern als zuvor.
Samstag, 14. Juli
Wir sind nun schon seit fünf Tagen in der Arktis mit all den Meeresforschern und ihren beeindruckenden Tiefseegeräten. Es war höchste Zeit, die ganzen Erfahrungen zu einem größeren Gesamtbild zusammenzufügen. Daher waren wir sehr dankbar, dass Anders Tengberg von der Universität Göteborg uns eine Einführung in Ozeanographie gab.
Wenn man bedenkt, dass fast 70% der Oberfläche unseres Planeten von den Weltmeeren bedeckt sind, kann man sich schon wundern, warum er "Erde" genannt wird. Die Tiefsee nimmt mehr als die Hälfte unseres Globus ein und ist doch weniger bekannt als die Oberfläche des Mondes. Wegen der Tiefe und dem daraus folgenden enormen Druck mussten erst spezielle Technologien entwickelt werden, um diesen unebekannten Teil unseres Planeten zu erkunden. Deswegen ist bisher nur ein kleiner Teil des Meeresbodens überaupt untersucht worden. Wenn man alles zusammen nimmt, kaum mehr als zwei Fußballfelder!
Während dieser Expedition haben wir jedoch erfahren, dass Tiefseeforschung mehr ist, als eine Entdeckungsreise an einen unbekannten Ort. Der Arktische Ozean kann als eine Geschichtsbibliothek zum Klimawandel angesehen werden.
Z. B. waren wir erstaunt zu hören, dass man bei der Untersuchung der Fische informationen über die während bis 100 Jahre dauernden Lebens wechselnde Wassertemperatur gewinnen kann.
Wir beschlossen, uns die Informationen noch einmal durch den Kopf gehen zu lassen, während wir auf dem Deck in der Arktischen Sonne lagen – nur 12 Breitengrade vom Nordpol entfernt.
Sonntag, 15. Juli 2007
Weil die Sonne 24 Stunden am Tag scheint, wegen der Vielzahl von interessanten Aktivitäten, die es zu beobachten gibt und natürlich wegen des sozialen Lebens an Bord beginnen manche Tage schon, bevor der letzte geendet hat.
Heute morgen beobachteten wir die Bergung von verschiedenen Landern. Einer davon war eine Fischfalle. In den letzten beiden Tagen hatte diese Falle 26 Fische in einer Tiefe von 2500 m gefangen. Die meisten davon waren noch am Leben und sie wurden schnell in spezielle Aquarien gebracht. Diese Fische – man nennt sie "Aalmuttern" - können die enorme Druckdifferenz nur überleben, weil sie keine Schwimmblase haben. Die Temperatur des Arktischen Tiefseewassers beträgt etwa -1°C. Um nicht zu erfrieren, haben sie etwa, dem Frostschutzmittel Glykol ähnliches in ihrem Blut. Die Wissenschaftler sagten uns , dass man durch die Untersuchung der so genannten Otholithen das Alter der Fische vergleichbar den Jahrringen eines Baumes ablesen kann. ("Otholithen" sind kleine Steinchen aus dem Gleichgewichtsorgan der Fische).
Außer den Fischen befanden sich in den Fallen zahlreiche rote Amphipoden. Diese sahen für uns wie Scampis ohne Köpfe aus. Die Biologen sagten uns, dass diese Tiere die Müllabfuhr der Tiefsee sind: Sie fressen alles, tot oder lebendig. Wenn die Leiche eines Wals auf dem Boden des Meeres liegt, wird sie in kürzester Zeit von tausenden von hungrigen Amphipoden aufgesucht. Nach wenigen Tagen lassen sie von toten Fischen nur noch die Knochen übrig. Sollten sich andere Fische zu lange in der Nähe aufhalten, können selbst diese von den Amphipoden angefallen werden.
Die Tiere waren aber nicht das einzige, was heute vom Meeresgrund nach oben kam. Dank der veränderten Eisbedingungen konnte der Lander mit seinem "Freitag der Dreizehnte"-Problem endlich geborgen werden.
Über den dritten Abschnitt der Polarstern-Expedition in die Arktis berichten drei europäische Lehrer. Während der Reise von Longyearbyen (Spitzbergen) nach Tromsö (Norwegen) werden sie einen lebendigen Eindruck von aktueller Tiefseeforschung erhalten, den sie danach mit an ihre Schulen nehmen können.
Thale Kristine Smaaldahl (28) unterrichtet Mathematik und Naturwissenschaften an der Weiterführende Schule Tromsdalen in Norwegen, Mieke Eggeremont (31) aus Belgien ist Biologielehrerin am Königlichen Atheneum III in Gent und Michael Bauer (35) unterrichtet Biologie und Physik am Erich Kästner Gymnasium in Eislingen, Deutschland. Diese drei sind Ihre Reporter auf dem dritten Fahrtabschnitt der Polarstern-Expedition in die Arktis.
Foto: Andreas Rüggenberg/IFM-GEOMAR
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