Abschlussbericht der Expedition ARK XXII/1
Nach 58 Expeditionstagen endete am 25. Juli im Hafen von Tromsö (Norwegen) eine der kompliziertesten und logistisch aufwendigsten "Polarstern" - Expeditionen der vergangenen Jahre. Nicht nur die Teilnahme von insgesamt 139 Wissenschaftlern, Technikern und Studenten, sondern auch der Einsatz einer Reihe von Geräten, die erstmalig auf "Polarstern" eingesetzt wurden, haben diese Reise zu einem außerordentlichen wissenschaftlichen Erfolg geführt. 20 Tauchfahrten mit dem bemannten U-Boot JAGO des IFM-GEOMAR in Kiel zu atemberaubend schönen und artenreichen Kaltwasserkorallenriffen vor der Küste Norwegens bildeten den Auftakt der Expedition. Während der folgenden zwei Abschnitte kam das ferngelenkte Unterwasserfahrzeug QUEST der Universität Bremen an einem Schlammvulkan in 1250 Metern Wassertiefe zum Einsatz, später dann am AWI - HAUSGARTEN, einem Tiefseeobservatorium mit einer zentralen Probennahmestation in 2500 Metern Wassertiefe. Das Gesamtprogramm in nur acht Wochen mit drei nahezu komplett ausgewechselten Teams wissenschaftlicher Fahrtteilnehmer abzuarbeiten - eine Spitzenleistung aller an der Planung und Durchführung dieser Expedition beteiligten Institute, Firmen und Personen.
Die Expedition ARK XXII/1 war nicht nur in die Forschungsaktivitäten im Rahmen des Internationalen Polarjahres eingebunden, sondern stellte auch einen wichtigen Beitrag zu dem von der Europäischen Union geförderten Projekt HERMES dar. In diesem Projekt werden unterschiedliche, durch hohe Artenvielfalt geprägte Tiefseeökosysteme Europas im Verbund von knapp fünfzig Instituten und der maritimen Forschung nahe stehenden Firmen intensiv erforscht - bemannte und mehr noch ferngelenkte Tauchfahrzeuge sind dabei unverzichtbare Instrumente moderner Tiefseeforschung. Durch die Größe der "Polarstern" war es während unserer Expedition zudem möglich, eine große Zahl weiterer Großgeräte einzusetzen, was auf anderen, kleineren Forschungsschiffen nicht selbstverständlich ist.
Sowohl HERMES wie auch die Expeditionen des Internationalen Polarjahres verfolgen als Teilziele, Schüler und Lehrer für die Erforschung der Meere zu interessieren. Neben jeweils zwei deutschen und norwegischen Schülern auf dem ersten Unterabschnitt waren eine belgische und eine norwegische Lehrerin sowie ein deutscher Lehrer während des letzten Fahrtabschnitts der Reise mit an Bord. Ihre Erlebnisse und die durchgeführten Interviews an Bord, die selbständig durchgeführten kleineren Projekte sowie die vielen Fotodokumente werden sicher dazu beitragen, dass kommende Schülerjahrgänge durch diese drei jungen Lehrer einen tieferen und lebendigeren Einblick in die Polar- und Meeresforschung bekommen werden.
Die wissenschaftliche Ausbeute der "Polarstern" - Expedition ARK XXII/1 ist zum jetzigen Zeitpunkt kaum überschaubar. Für mindestens ein Dutzend Doktorarbeiten wurde Probenmaterial in einzigartiger Qualität gewonnen, und erste, international abgestimmte Konzepte zur Ausrichtung neuer Kooperationsprojekte konnten an Bord initiiert werden. Ob sich die Trends überraschend schnell ablaufender Veränderungen in der arktischen Tiefsee, wie seit knapp zehn Jahren beispielsweise am AWI "HAUSGARTEN" gemessen, fortsetzen werden, muss die detaillierte Auswertung der Daten im Labor zeigen. Neben den bisher gemessenen Veränderungen wie zum Beispiel einer deutlichen Temperaturerhöhung am Meeresboden über die letzten Jahre selbst in 2500 Metern Wassertiefe kommen jetzt Anzeichen einer deutlichen Verringerung des Sauerstoffgehalts im bodennahen Meerwasser hinzu. Mit der Abnahme der jährlichen Eisausdehnung und der damit einhergehenden Verschiebung der nährstoffreichen Eisrandzone nach Norden kommen weitere Schlüsselfaktoren dazu, die maßgeblichen Einfluss auf die Artenzusammensetzung im Freiwasser und am Meeresboden nehmen. Auch Beobachtungen zur Anzahl und Flugrichtung von Seevögeln während des dritten Abschnitts deuten darauf hin, dass die auf Jan Mayen, der Bäreninsel und auf Süd- Spitzbergen brütenden Seevögel nicht mehr in der Lage sind, ausreichend Nahrung (überwiegend tierisches Plankton) für die Nachkommen heranzuschaffen - die produktive Eisrandzone ist zu weit entfernt. Das Brutgeschäft weiter südlich brütender Vogelarten, wie zum Beispiel des Krabbentauchers (die im übrigen durchaus in der Lage sind, bis zu 150 Kilometer weit auf das Meer hinauszufliegen um Nahrung heranzuschaffen - und dies mehrmals am Tag !), wurde in den letzten Jahren von Tausenden von Elternvögeln bereits abgebrochen, vermutlich auch in diesem Jahr, weil die zu überwindenden Distanzen zu groß geworden sind.
Fotos: Aufnahme aller wissenschaftlichen Fahrtteilnehmer der drei Unterabschnitte
Foto ARK XXII/1a : Nora Hanelt, Jacobs Universität Bremen
Fotos ARK XXII/1b + c : Lennart Bittermann, AWI


